Nicht nur Triathlon aus Leidenschaft...

Ausdauerleistungsverein (ALV) Mainz e.V.

Rennbericht: Erfahrungen, Eindrücke und Impressionen zum längsten Tag des Jahres

 

Im Juni 2019 erfolgte meine Anmeldung zur „Ironman European Championship Frankfurt 2020“

Mein Training startete im Oktober 2019.

Zur sportlichen Unterstützung entschied ich mich mir Rat bei einem Triathlontrainer zu suchen und mit diesem meinen weiteren Trainingsverlauf abzustimmen.

Jede Trainingseinheit wurde anstandslos absolviert und im Februar 2020 fand sogar ein Trainingslager auf Lanzarote statt.

Dann kam es…. *CORONA*… das Rennen wird auf 2021 verschoben.

Ich falle in ein kleines Loch, das ganze Training umsonst????

Na ja, nicht ganz umsonst… ich bin ja fit und darauf kann man ja aufbauen.

Da ich nun Zeit hatte, lies ich mir im September 2020 nach gefühlten 10 Jahren mal endlich meine „Kalkschulter“ operieren.

Laut Arzt 6 Wochen Pause und danach kann das Training fortgesetzt werden => das hört sich doch gut an.

Pustekuchen, die Schulter heilte schlecht ab und entzündete sich. Nach 2 Monaten bestand mein Training aus ein paar Radeinheiten auf der Rolle.

Ab Februar 2021 konnte es dann endlich richtig losgehen… laufen, Rad fahren aber kein schwimmen, da noch immer alle Schwimmbäder wegen Corona geschlossen sind.

Im Frühjahr kommt die Mitteilung von Ironman, dass das Rennen auf den 15.08.2021 verschoben wird. Das kommt mir ja irgendwie entgegen, somit habe ich noch etwas Zeit zum trainieren.

Es geht von vorne los… jede Trainingseinheit wird absolviert, kein verschieben, keine Ausreden, ob Regen oder Schnee ich bin draußen unterwegs. Langsam komme ich auf Touren und meine Vitalwerte kommen in die richtige Richtung.

Eine Woche vor dem Rennen

Die letzte Trainingseinheit mit dem Rad steht auf dem Programm; 4:15 Stunden locker auf dem Rad in Aeroposition => zu Hause angekommen….. ach du Scheiße ich kann mich kaum noch bewegen; Ischiasnerv eingeklemmt.

Black Roll/Massage ich versuche alles das es besser wird.

Donnerstag der 12.08.2021

Zusammen mit meiner Frau, meinem Schwager (Martin, startet ebenfalls) und weiteren Supportern geht es nach Frankfurt um meine Startunterlagen abzuholen.

Wir schnuppern zum ersten mal seit langer Zeit mal wieder Wettkampfluft und saugen die ersten Emotionen in uns auf.

Zu Hause angekommen ging es nochmal schnell auf die Couch um sich das Race Briefing Video anzuschauen => Wegen Corona fällt das Briefing vor Ort und die Pasta Party ja leider aus.

Es folgt ein Telefonat mit meinem Trainer: wir besprechen die letzten Details: Rennplan, Watt, Herzfrequenz, Pace, Ernährung usw.

Wir beide haben ein gutes Gefühl=> es kann losgehen.

Freitag der 13.08.2021

Wettkampfbeutel packen. Ahhh…. Was kommt da nochmal alles rein. Mein letztes Rennen war vor 2 Jahren und da fehlte mir schon etwas die Routine.  Also alles in Ruhe durchgegangen danach noch 5 mal nachgeschaut und vergewissert das auch alles dabei ist.

Danach nochmal mit meiner Frau alles durchgegangen => sicher ist sicher und man will ja nichts vergessen. Langsam merke ich wie die Nervosität kommt.

Samstag der 14.08.2021

Noch ein Tag bis zum Rennen…. Der Rücken zwickt und zwackt noch immer.

Jetzt hilft kein heulen oder jammern, da muss ich durch.

Meine Frau, die mich stets unterstützt und motiviert hat redet mir gut zu=> das wird schon klappen, mach dich nicht verrückt.

Rad Check-in am Langener Waldsee…. Habe ich auch wirklich alles im Wechselbeutel? Ich schaue Sicherheitshalber nochmal nach.

Ich stelle mein Rad ab und hänge meine Wechselbeutel auf und merke mir die jeweiligen Positionen damit ich am Wettkampftag nicht lange suchen muss.

Ab nach Hause und meine Beine und den Rücken nochmals mit der Blackroll bearbeiten, hoffentlich macht der Rücken mir morgen keine Probleme.

Ich rufe meinen Trainer nochmals an um das letzte Gespräch vor dem Rennen zu tätigen.

Um 22.00 Uhr heißt es dann „Gute Nacht“ => der Wecker ist auf 03:00 gestellt.

Ich schlafe relativ schnell ein und wache, ohne meinen Wecker, um 02:30 auf und bin helle wach.

Sonntag 15.08.2021 => RACE DAY

Endlich ist es soweit….. der „längste Tag des Jahres“ steht vor der Tür.

„Ironman European Championship Frankfurt“

Ich stehe auf und halte mich direkt an meinen Ablaufplan => frühstücken (Zwieback und Weißbrot), alles rein was geht aber nicht zu viel.

Ich fühle mich super und von mir aus kann es los gehen. 04:20 Uhr ab ins Auto und Martin abholen. Im Auto nochmals kurz die Augen zugemacht und schon sind wir am See => Stau auf dem Parkplatz=> also mit Martin raus aus dem Auto und zu Fuß zur Wechselzone => meine Frau parkt und kommt nach.

Es ist kalt und dunkel und man läuft mit etlichen anderen Athleten zur Wechselzone.

Am Rad angekommen erstmal alle Flaschen positionieren, Riegel auspacken und Radcomputer anbringen.

Raus aus den Klamotten und den „geliebten“ Neo anziehen.

Martin und ich gehen Richtung Schwimmstart, wo ist meine Frau? Sie muss doch noch ein Teil meiner Sachen mitnehmen. Ich finde Sie im Getümmel und alles ist gut. Sie redet mir erneut gut zu und ich hole mir die letzten Streicheleinheiten ab.

Meine Ziele für den Wettkampf:

Ziel 1: gesund am Ziel ankommen

Ziel 2: unter 13 Stunden finishen

Ziel 3: alle 3 Disziplinen in einem Rutsch durchziehen

Ziel 4: Spaß haben und den Tag genießen

Das Schwimmen:

Meine „ungeliebte“ Disziplin

Wunschzeit 80-90 Min => Jeder, der mich schon einmal schwimmen gesehen hat, weiß das ich eine Wasserlage wie ein Elch habe.

Ich schaue über den See. Es liegen Nebel und Dunstwolken auf dem Wasser, es hat schon etwas mystisches an sich.

Gedanklich teile ich mit mir das Schwimmen in drei Teile auf=> die ersten 1500 Meter locker, dann halt nochmal 1500 Meter und der Rest ist Kür.

Man darf sich nun doch noch etwas einschwimmen, ich flute den Neo und es fühlt sich super an.

Martin und ich stellen uns an die Schwimmzeiten zwischen 1:15 und 1:25 an.

Martin entscheidet sich doch in letzter Sekunde mit der vorderen Gruppe zu starten.

Wir umarmen und verabschieden uns… wir sehen uns im Ziel!

Dann geht es Ruck Zuck, kurz darauf stehe ich an der Startlinie ein letzter Blick in die Zuschauer und zu meiner Frau.

Immer noch fühle ich mich mit meinem Neo sicher und etliche Freiwassereinheiten im Jahr 2020 und 2021 zur Orientierung und Dauer im Wasser sollen sich nun auszahlen.

Eine Boje folgt der nächsten und ich bin bereits in meinem Flow.

Dann geht es los ich werde mehrmals von anderen Athleten in die Zange genommen und musste daher immer mal etwas ausweichen, aber egal.

Die ersten zwei Wendepunkte werden entspannt umschwommen.

Danach geht es Richtung Strand zurück, die tief stehende Sonne blendet einen so stark das man nur noch eine weiße Wand wahrnimmt. Ich wurde bereits von erfahren Leuten hingewiesen, dass man dann schlecht sieht=> aber das man gar nichts sieht schockt einen dann doch erst mal. Ich halte mich einfach an die anderen Schwimmer und hoffe das die einigermaßen gerade schwimmen.

Es folgt der Landgang => meine Uhr zeigt 33 Minuten, ich bin etwas enttäuscht ich hatte mit 31 Minuten gerechnet=> aber egal es läuft doch gut.

Ich höre meine Frau die mich kräftig anfeuert und gehe nun auf die zweite 2,3 km lange Strecke.

Erneut wird eine Boje nach der anderen umschwommen bis zum nächsten Wendepunkt => es folgt wieder die „weiße Wand“ im Blindflug halte ich mich an eine neben mir im Bruststil schwimmende Athlethin mit dem Hintergedanken, die weiß schon wo es langgeht.

Plötzlich Trillerpfeifen ich schaue nach vorne und erkenne das etliche Athlethen die zweite Wendeboje nicht Regelkonform umrunden und unbewusst etwas abkürzen.

Die Kampfrichter bringen sie aber wieder auf Position und es kommt daher zu einem kleinen Stau im Wasser.

Nun geht es wieder Richtung Strand und ich peile den langersehnten Schwimmzielbogen an.

Das Land rückt immer näher und ich freue mich=> bislang zeigen sich keine Anzeichen von Ermüdung.

Endlich Land… meine Füße berühren den sandigen Untergrund, mir ist weder schwindelig noch habe ich Krämpfe in den Beinen.

Meine Supportercrew feuert mich an was das Zeug hält und ich mach mich auf in die Wechselzone 1.

Am Ende habe ich 86 Minuten auf der Uhr stehen, was meine persönliche Bestleitung ist.

Ich bin zufrieden=> so kann es weitergehen.

Wechselzone 1

Ich schnappe mir meinen Wechselbeutel und suche mir einen schönen Sitzplatz aus.

Rennplan: Erst mal 2 Gels und eine Flasche Iso trinken.

Ich ziehe mir die Strümpfe an und bemerke, dass der einer etwas schief sitzt, also ausziehen und nochmal neu richten.

Gefühlt hat es in der Wechselzone so keiner richtig eilig, also lasse ich mich davon etwas anstecken.

Der ganze Körper wird mit Sonnencreme eingeschmiert und die Radschuhe optimal verschlossen.

Nach 11 Minuten (!!) verlasse ich die Wechselzone, hätte ja nur noch Kaffee und Kuchen gefehlt.

Rad:

Meine „geliebte“ Disziplin

Wunschzeit 6 Stunden mit 30er Schnitt…. Realistisch waren angepeilt 28,5 bis 29 also 6:15 Stunden.

Normalerweise heißt es nun Vollgas, Puls auf Anschlag, ballern und erst Mal ein paar Leute einholen. Aber nein….  Ich halte mich strickt an meinen Rennplan (Herzfrequenz/Watt) und schön alle 15 Minuten verpflegen.

Auf den ersten 20 km läuft es Klasse, es ist flach und ohne große Anstrengung liegt mein Schnitt bei 32,5.

Es zeigen sich aber auch schon ein paar Schattenseiten. Ich sehe bereits einen gestürzten Athleten (bekam direkt Hilfe von einem Streckenposten) und zwei weitere mit technischen Problemen (Platten) am Rad.

Ich denke mir nur hoffentlich hält meine „Maschine“ das aus und bringt mich sicher zur Radziellinie.

Von anfänglichen 15 Grad wird es nun immer wärmer und wir kommen in die Temperaturzone in der ich mich wohl fühle.

Die nächsten 100 km bestehen nun aus verpflegen, kühlen und Spaß haben.

Währenddessen führe ich noch eine kleine Unterhaltung mit einem anderen Athleten der mich auf dem Rad anspricht, wir tauschen uns kurz aus und weiter geht’s.

Mein Tacho zeigt einen 29er Schnitt an => es läuft wie geschmiert.

Mein Trainer erwartet mich an der Radstrecke und ruft mir ein paar aufmunternde Worte zu, denn er hat auf dem Tracker feststellen müssen das ich etwas langsamer wurde.

Meine Frau und meine Supportercrew steht zwischenzeitlich ebenfalls an der Radstrecke und gibt mir mit lauten Anfeuerungen weitere Energie.

Ab 120km bemerke ich erste Ermüdungserscheinungen,  bis 140 km geht mein Schnitt runter auf 28,5. Vielleicht liegt es nun doch auch an der Hitze => es sind 29 Grad.

Ab hier treffe ich für mich die Entscheidung: egal, keine Körner unnötig zu verbrennen und nicht versuchen mit der Brechstange ranzugehen. Immer schön an den Rennplan halten => da kommt ja noch der Marathon.

Am Ende der Radstrecke zeigt mein Tacho einen Schnitt von 27,9 an.

Zeit auf dem Rad 6:34 Stunden => lag wohl an der neunen Strecke die ist ja viel schwerer als die alte Strecke (Ha Ha 😊)

Wechselzone 2

Im kleinen Renntempo laufe ich durch die Wechselzone um mich schon etwas für den Marathon zu lockern. Ich stelle mein Rad ab, hole meinen Wechselbeutel und suche mir erneut einen schönen Sitzplatz.

In aller Ruhe binde ich mir meine Schuhe…. Nicht zu leicht und nicht zu fest.

Erneut wird der Körper mit Sonnencreme eingeschmiert.

Man bringe mir Kaffee und Kuchen=> nach 7 Minuten geht es auf die Laufstrecke.

Laufen:

Meine neue lieb gewonnene Disziplin

Wunschzeit 4:10 bis 4:20 Stunden

Ich fühle mich frisch, die Beine sind locker und los geht’s= Pace 5:20 kein Problem… bitte an den Rennplan halten.

Also zurück auf 6er Pace und locker laufen. Bei 3km entscheide ich mich bei der 6er Pace zu bleiben, Herzfrequenz pendelt sich bei 135 -138 ein.

Nach 10km fühle ich mich blendend und überhole „jede menge“ Leute die platt sind.

Ich laufe wie auf Wolken und komme bereits zum zweiten mal an meiner Supportecrew vorbei. Lautes Geschrei und Pappschilder beflügeln mich weiter zu laufen.

Bei Kilometer 8, 16 und 24 werde ich ebenfalls tatkräftig von meinen Vereinsmitgliedern Murphy und Thomas angefeuert und mental unterstützt. => großes Dankeschön an die zwei.

Zwischenziel Halbmarathon am Stück laufen klappt auch locker und ist mit der 6er Pace für mich auch OK. Ja, da kommen ja jetzt auch nochmal 21 km.

Ich peile das Finish in 12:30 Stunden an, und wäre damit über meinen Erwartungen.

Ab km 25 merke ich dann zum ersten mal meine Beine und dachte schon, OK ab km 30 wird es hart.

Und so kam es auch, die Pace ging stetig runter und die Beine wurden immer schwerer. Nicht verrückt machen halt dich an den Plan und lauf locker durch.

Ich entscheide mich hier erneut nicht die Brechstange herauszuholen. Die Kraft dazu hätte ich sicherlich gehabt. Aber im Hinterkopf habe ich die Bilder von etlichen Athleten die 1km vor dem Ziel zusammenbrechen weil deren Beine wegklappen, dann wäre alles umsonst.

Also laufe ich mit einer 7er Pace weiter und überhole immer noch genug Leute. Weitere zweimal unterstützt mich meine Supportercrew.

Der letzte Kilometer…..

 Fazit: alle 4 Ziele erreicht => besser kann es nicht laufen.

Ich richte meinen Einteiler und ziehe meine Brille und Mütze ab, man will ja auf dem Finisherfoto gut aussehen 😁.

Die letzten 200 Meter…. Der rote Teppich mit Zieleinlauf.

Ich genieße die letzten Meter und schlendere durch Menge. Nun kommen auch die letzten Emotionen hoch und mir läuft die ein oder andere Träne über das Gesicht. Im Schnelldurchlauf durchlebe ich nochmals alle meine Trainingseinheiten, Entbehrungen und Schmerzen der letzten Monate.

Ich sehe den Zielbogen und kann es mir nicht nehmen lassen den Moderator aufzufordern die magischen Worte zu sagen…..

Christian…….You are an Ironman.

Ich bin wie im Tunnel und höre erneut meine Frau die mich anfeuert.

Geschafft, zum ersten Mal seit 42,2 km bleibe ich stehen.

(Marathonzeit 4:32 6,27er Pace)

Gesamtzeit 12:49 Stunden.

Meine Beine brennen etwas aber körperlich geht es mir gut, Training und Rennplan haben sich ausgezahlt.

Ich gehe zurück zum Zielbogen wo mich meine Frau herzlich drückt. Auch sie freut sich für mich und ist erleichtert das alles geklappt hat.

Nun geht es ab in den Athleten Garden , Martin nimmt mich in Empfang und wir holen meine Medaille und das Finishershirt ab. Wir setzen uns an einen Tisch um etwas zu essen und zu trinken. Dabei schauen wir uns tief in die Augen und schwören uns so etwas nie wieder zu machen. Nie wieder! (Bitte den nächsten Tag abwarten)

Fazit zu den Disziplinen

Schwimmen: tja was soll man sagen. Ich glaube ich brauche einen Schwimmtrainer😂

Rad fahren: ein 30er Schnitt wäre drin gewesen. Aber wie wäre dann der Marathon gelaufen??

Laufen: schneller hätte klappen können. Aber hätte ich es dann ins Ziel geschafft??

Fragen über Fragen……. Alles egal ich bin mega zufrieden und freue mich einfach nur.

Der nächste Tag

Meine Beine brennen und ich kann kaum Treppen laufen🤣🤣

Ich habe zirka 300 bis 400 Nachrichten in diversen Gruppenchats… ich komme kaum nach alles zu lesen und zu beantworten. Ich fühle mich wie ein Profi der Fanpost bearbeitet.

Martin ruft an, wir tauschen uns aus und telefonieren den Tag über mindestens noch 10 Mal.

Am Ende des Tages überlegen wir bereits wann wir die zweite Langdistanz in Angriff nehmen 😄

Danke an meine Supportercrew und an meine Frau für die Unterstützung.